BIM: Der digitale Zwilling für das perfekte Gebäude

Experte Eric Giese über den digitalen Quantensprung dank BIM

Mittwoch, 28. November 2018

Eric Giese, Digital Service Center

Eric Giese ist als Leiter unseres Digital Service Center ein Experte für Building Information Modeling (BIM). Im Interview mit „Building Technologies – Kompakt“ spricht er über Chancen und Vorteile von BIM für die Baubranche und warum das perfekte Gebäude immer näher rückt.

Herr Giese, BIM ist gerade in aller Munde – warum eigentlich?
Eric Giese:
Kurz gesagt, weil es ein Quantensprung für die Digitalisierung der gesamten Baubranche ist. Digitale Baupläne und 3D-Modelle auf CAD-Basis gibt es schon lang. Aber einen virtuellen, standardisierten Zwilling von Gebäuden mit allen relevanten Daten zu realisieren und über den gesamten Lebenszyklus eines Gebäudes zu nutzen, das ist revolutionär...

…und welche Rolle spielt Siemens dabei?
Wir gestalten diese Zukunft aktiv mit. Siemens ist bei der Digitalisierung speziell im Bereich Industrie 4.0 führend. Mit diesem Know-How wollen wir helfen, auch die Baubranche fit für die Zukunft zu machen.

In einem Gebäude kommt heutzutage viel Technik zum Einsatz – inwiefern vereinfacht BIM die Planung?
Moderne Gebäude sind inzwischen hochdynamische Systeme. Mit dem digitalen Zwilling lassen sie sich einfach auslegen und ihr Verhalten schon in der Planung simulieren. Siemens bietet dafür knapp 3.000 BIM-kompatible Produktdaten kostenfrei für Architekten und Bauplaner. Das fertige Gebäudemodell kann dann in einer Simulationsumgebung optimiert werden, indem man zum Beispiel eine Gebäudeevakuierung durchspielt.



Und was bringt BIM, wenn das Gebäude erstmal steht?
Hier liegt das eigentliche Potenzial von BIM. Der digitale Zwilling wird künftig ein Online-Spiegelbild des Gebäudes sein: Er bildet alles ab, nicht nur die Gebäudestruktur, sondern auch alle aktuellen Zustände der verbauten Technik. Mit unserer Betriebsplattform Clarity LC DCIM für Rechenzentren bieten wir heute schon eine solche Digital-Twin-basierte Lösung an. Serviceprozesse lassen sich damit digital optimieren, Überlastungen frühzeitig erkennen und automatisch vermeiden.

Man steckt also etwas mehr Geld in die Planung, um am Ende zu sparen?
Letztendlich wird die Planung mit BIM mittelfristig nicht mehr Geld kosten. Sie erschließt vielmehr, ein immenses Optimierungspotenzial für das Engineering und spart Kosten, die aktuell durch Fehlplanungen auf der Baustelle oder im Betrieb entstehen. Dazu kommt noch die Transparenz: Das System bildet Fortschritt und Kostenentwicklung des Projekts laufend ab und wertet sie aus. Allerdings ist die Planung und Errichtung ja kein Selbstzweck. Es geht darum, ein perfektes Gebäude für den Nutzer zu realisieren – und genau hier kann uns BIM immens helfen.

Sind gesetzliche Vorgaben zu BIM schon in Sicht?
Ja, in Ländern wie Dänemark und den Niederlanden ist BIM schon länger für öffentliche Ausschreibungen erforderlich. Das soll bis 2020, zumindest für Infrastrukturprojekte, auch hierzulande Pflicht werden…

…und Siemens hat darin schon praktische Erfahrungen gesammelt?
Sehr gute sogar. Zum einen ist BIM bei unseren eigenen neuen Gebäuden schon seit Ende 2016 ein Muss. Zum anderen haben wir schon in mehreren Kundenprojekten unsere Systeme an den digitalen Zwilling angebunden. In einem dieser Projekte ist das digitale Gebäudemodell in unser Gebäudemanagementsystem Desigo CC integriert. So können die Betreiber alle Datenpunkte nicht nur im Schema, sondern auch direkt im 3D-Gebäudemodell über nur eine einzige Oberfläche ansteuern und Alarm-Meldungen beheben.

Herr Giese, werfen Sie einen Blick in die Zukunft – was ist noch möglich?
(lacht) Ich habe zwar keine Glaskugel, aber die Digitalisierung hat für die Baubranche gerade erst begonnen. Ich stelle hier mal eine Gegenfrage: Welche App war 2006 im App Store auf Platz 1? Ich gebe zu, das ist eine Fangfrage: 2006 gab es noch gar kein iPhone! Digitale Technologien entwickeln sich rasant weiter. Da können wir nur erahnen, was uns noch erwartet. Eines steht jedoch fest: Die virtuelle und reale Welt wachsen mit Hilfe der Gebäudetechnik zunehmend zusammen. Das perfekte Gebäude rückt immer näher.